Portrait Tobias Zehnder

Auf einen Kaffee mit: Tobias Zehnder

Tobias, wer bist du und womit beschäftigst du dich?

Ich bin Mitgründer der Webrepublic, welche seit mittlerweile neun Jahren erfolgreich existiert. Zuvor habe ich in Zürich Medienwissenschaften studiert. Jedoch habe ich schon immer im digitalen Bereich gearbeitet und beispielsweise Webseiten für lokale Vereine erstellt.
Richtig gepackt hat mich die digitale Welt spätestens durch ein Praktikum bei Google Zürich. Mich hat fasziniert, wie dynamisch die Branche ist und welch offenes und positives Arbeitsumfeld man vorfindet. Ich durfte mit sehr vielen klugen Leuten in einer internationalen Kultur zusammenarbeiten.
Mein Studium habe ich dann mit einer Arbeit über den digitalen Werbemarkt der Schweiz beendet. Tom (Anm. Tom Hanan ist Gründer der Webrepublic) hat mich anschliessend angefragt, ob ich mit ihm zusammen eine Firma gründen möchte, was wir dann im August 2009 gemacht haben.
Heute bin ich als Mitgründer und Geschäftsleitungsmitglied der Webrepublic zuständig für einen grossen Teil der strategischen Arbeit und kümmere mich um folgende und ähnliche Fragen: Was bieten wir als Agentur unseren Kunden? Was sind die Themen der Zukunft? Ich sehe mich in meiner Rolle als Vermittler zwischen unseren Kunden, der Industrie und der Webrepublic selbst. Ich versuche, mit meinem Team herauszufinden, welche Trends für unsere Firma und unsere Kunden relevant sind und in welche Richtung wir uns weiterentwickeln sollten.
Daneben bin ich stark engagiert im Bereich Ausbildung. Ich unterrichte und nehme an vielen Anlässen zu digitalen Themen teil. Für mich ist es sehr wichtig, unser Wissen auch nach aussen zu tragen. Beispielsweise gibt es sehr viele Kurse und Material zum Thema “Digital Marketing”. Trotzdem wird das Thema hauptsächlich durch die Praxis vorangetrieben. Daher sehe ich es als Aufgabe unserer Agentur, dieses Know-how in den Markt und in die Gesellschaft zurückzutragen. Wir möchten der Branche mithelfen zu wachsen und besser zu werden.

Nach deinem Studium und Praktikum bei Google ging es sehr schnell los mit Webrepublic. Kannst du beschreiben, wie diese Zeit für dich war? Worauf habt ihr zu Beginn eurer Firma den Fokus gelegt?

Wir haben Webrepublic gestartet, als digitale Transformation noch kein Thema war. Nur wenige Leute haben zu dieser Zeit beispielsweise ein iPhone besessen. Zu Beginn haben wir stark auf Dienstleistungen rund um Google Adwords bzw. Google Search Marketing gesetzt. Wir waren damit Spezialisten in einer Nische. Webrepublic hat sich von der Konkurrenz abgehoben, weil wir unsere Dienstleistung von Beginn weg aus unternehmerischer Perspektive angeboten haben: Wir haben viel daran gesetzt, dass unsere Kunden am Ende des Monats mehr Geld einnehmen konnten als sie ausgegeben haben. Das war leider nicht immer selbstverständlich in der Agenturlandschaft und wir haben es zu unserer Mission gemacht, das zu ändern.
Mit der Zeit konnten wir uns eine gute Reputation erschaffen, was unsere Kunden wiederum dazu gebracht hat, mehr Services von uns zu wollen. Das hat zu einem organischen Wachstum von Webrepublic geführt. Bei der Gründung im Jahr 2009 hatten wir keinen langfristigen Plan, welchen wir seither konsequent verfolgt hätten. Während all diesen Jahren haben wir aber eine Kultur erschaffen, die ein solches Wachstum – und die nötige Innovation – zulässt.
Es ist aber richtig, dass Webrepublic tatsächlich meine erste Vollzeitstelle war, obwohl ich bereits früher Arbeitserfahrung gesammelt hatte.

Wie würdest du dich selber beschreiben? Warst du schon immer ein Macher und es war vorhersehbar, dass du in deiner jetzigen Rolle landen wirst?

Ich hatte schon immer das Interesse am Bauen von Dingen, die funktionieren. In der Primarschule habe ich beispielsweise eine eigene Zeitung publiziert oder auch eine Radiosendung auf Kassette produziert. Später habe ich in einer Band mitgespielt oder auch einen Blog betrieben, als es den Begriff Influencer noch gar nicht gab.
Ich hatte schon immer das Bedürfnis, etwas zu kreieren, mich mit anderen darüber auszutauschen und schauen, ob und wie etwas funktioniert.
Speziell wichtig und interessant bei Search Engine Advertising war dann für mich, dass man jeweils ein direktes Feedback kriegt. Man kann eine Kampagne erstellen und sieht relativ schnell, ob sie funktioniert oder nicht. Das steht im krassen Gegensatz zu beispielsweise einer Plakatwerbung, deren Auswirkungen ich allenfalls erst einen Monat später bemerke. Die steile Lernkurve, die es im digitalen Bereich gibt, reizt mich auch heute noch.
Trotz dieser Faszination für die digitale Welt hatten im Jahr 2009 weder Tom noch ich die Idee, irgendwann 150 Mitarbeiter beschäftigen zu können. Wir finden es aber beide cool, eine Kultur aufzubauen und ein Team um uns zu formen, sodass man zusammen Grosses erreichen kann. Ich sehe aber keinen von uns als klassische Manager. Wir sind eher Coaches, welche ein inspirierendes Umfeld und Ökosystem erschaffen möchten. Wir möchten, dass ambitionierte Mitarbeiter bei uns Ressourcen finden, welche es ihnen erlauben, ihre Fähigkeiten auszuleben und besser zu werden. Es soll bei uns auch unbedingt möglich sein, aus Fehlern zu lernen.

Tom Hanan und du entsprechen nicht dem klassischen Bild von zwei Gründern. Ihr habt beispielsweise nicht zusammen studiert und es gibt einen grösseren Altersunterschied. Wie funktioniert eure Zusammenarbeit?

Ich glaube, dass wir sehr unterschiedlich sind. Wir haben zu Beginn der Firma nach einer Hunter-Harvester-Strategie zusammengearbeitet: Tom hat sein grosses Netzwerk und wertvolle Kontakte eingebracht und ich habe mich zunächst um die operative Umsetzung gekümmert.
In der Geschäftsleitung ist heute auch Chris, Toms Bruder. Seit die Zahlen und Strukturen der Firma etwas komplexer geworden sind, kümmert er sich mehrheitlich um unsere Finanzen und die Consulting und Analytics Units. Seit den Anfangstagen dabei und auch in der Geschäftsleitung ist zudem Hannes Gasser, welchen ich bereits aus unserer gemeinsamen Schul- und Studienzeit kenne. Er betreut den grössten Teil der operativen Teams und hat ein unglaubliches Talent, auch in hektischen Zeiten einen kühlen und klaren Kopf zu bewahren.
Das Knowhow der vier GL-Mitglieder überlappt sich zu einem grossen Teil und trotzdem hat jeder sein Spezialgebiet. Es ist ein grosses Privileg, in solch einer Konstellation zu arbeiten.
An der Zusammenarbeit mit Tom hat mir immer gefallen, dass er und ich eine sehr klare Arbeitsteilung hatten und auch weiterhin haben. Wir bringen einen grossen, gegenseitigen Respekt für den individuellen Beitrag an die Firma mit. Ich finde, dass es mir und der Firma immer geholfen hat, dass ein einzelner CEO an der Spitze ist. Obwohl wir nicht viele Hierarchiestufen haben, steht trotzdem ein einzelner Entscheider an der Spitze. Dadurch muss nicht jede Frage unendlich lange diskutiert werden.

Du hast das Ökosystem innerhalb von Webrepublic erwähnt. Auf deiner persönlichen Webseite findet man auch eine Grafik, welche besagt, dass ein Awesome Team zu Happy Clients führt und umgekehrt. Wie erschafft ihr dieses Ökosystem und diese Kultur bei Webrepublic?

Ich glaube stark an Transparenz. Unsere Mitarbeiter sind leistungsbereit, weil sie wissen, was sie mit ihrer Leistung bewegen können. Zudem pflegen wir sehr viele Gefässe für den gemeinsamen Kontakt. Beispielsweise treffen wir uns jeden Montag zu einem informellen Austausch mit dem ganzen Team, wir haben regelmässige Meetings mit allen Teamleitern und wir teilen wichtige Finanzzahlen der Agentur mit den Mitarbeitern. Bei vielen Agenturen wissen die einzelnen Mitarbeiter nicht, mit welchen Offerten ihre Leistung verkauft wird. Das ist bei uns nicht der Fall. Unsere Mitarbeiter kennen die ökonomischen Zusammenhänge und erstellen die Offerten selber. Von mir aus gesehen schafft das ein grosses Vertrauen und ein gesundes Verantwortlichkeitsgefühl für den eigenen Bereich.
Vom Management geben wir selbstverständlich eine gewisse Richtung vor, weil sie unserer Strategie entspricht. Gleichzeitig sind aber auch viele Dinge, die wir heute als Webrepublic anbieten, von den Mitarbeitern selbst ausgegangen. Diese Transparenz, die Austauschgefässe und die geteilte Verantwortlichkeit führen sicherlich zu einem Happy Team.

 

 

Ein anderer wichtiger Teil ist das Anstellen der passenden Leute. Ich bin überzeugt, dass wir nur Leute zu Webrepublic holen dürfen, welche unserer Kultur entsprechen und sie mittragen. Auf dem Markt gibt es viele gut ausgebildete Leute. Wenn sie aber nicht in unsere Kultur passen, leidet das ganze Team, womit niemandem geholfen ist.

Du hast erwähnt, dass du eher der Machertyp bist. Du kreierst gerne etwas. Was hat das für einen Einfluss auf deinen Führungsstil?

Ich führe sehr “Hands-off”. Mittlerweile führe ich jedoch ohnehin nur noch ein sehr kleines Team. Ich habe gemerkt, dass ich es zwar gerne mache aber es nicht zu meinen absoluten Stärken gehört. Es gibt andere Themen, die mir wichtiger waren und habe daraus den Schluss gezogen, dass ich nicht mehr so stark in der klassischen Teamführung involviert sein möchte.
Grundsätzlich erwarte ich aber von meinen Mitarbeitern, dass man stets offen über mögliche Optionen spricht und sich nicht über ungeklärte Fragen beklagt. Ich möchte mit meinem Team über Lösungen und nicht über Probleme nachdenken.
Ich stelle oftmals einfach sicher, dass die Mitarbeiter alle notwendigen Ressourcen zur Verfügung haben, sodass sie selbstständig zur Lösung gelangen können. Danach lasse ich aber die Leute in Ruhe arbeiten und erwarte, dass sie sich bei Fragen melden. Wir arbeiten in einer schnelllebigen Branche, in welcher wir nur mithalten können, wenn wir die richtigen Leute einstellen und ihnen das Vertrauen und die Zeit schenken. Wir haben schlichtweg nicht die Zeit, alles immer zu kontrollieren.

Was bedeutet es für dich, Menschen bei Webrepublic für deine Ideen zu gewinnen?

Ich versuche einerseits ein Vorbild für andere zu sein. Beispielsweise habe ich gemerkt, dass mir Public Speaking wichtig ist und ich das teilen möchte. Obwohl es für mich auch nicht immer angenehm war, versuche ich es vorzuleben in der Hoffnung, dass auch andere Leute sich darin versuchen.
Ich rege Mitarbeiter generell zu Dingen an, die sie sonst allenfalls gar nie machen würden. Ich denke, dass das auch stark mit unserer Kultur zusammenhängt. Wir erhoffen uns, durch unsere konsistente Kommunikation auf diversen Kanälen die richtigen Leute für unsere Kultur anziehen zu können. Dieses Vorgehen hat auch einen theoretischen Hintergrund: die Principal-Agent-Theorie. Wir wissen, dass wir genügend Signale über Webrepublic und unsere Kultur aussenden müssen, sodass potenziell interessierte Mitarbeiter eine wohl informierte Entscheidung treffen können. Wenn sich Bewerber nicht genügend gut mit uns auseinandersetzen können, ist es klar, dass sie teilweise das Unternehmen eher früh verlassen, weil die Kultur für sie nicht stimmt.
Ich sehe somit unsere Kultur als den Humus, auf dem sehr viel wachsen kann.

Wie stellst du sicher, dass du als junger Mann in der Geschäftsleitung genügend Glaubwürdigkeit hast bei älteren Mitarbeiter?

Mit dieser Herausforderung bin ich kaum konfrontiert. Wir haben nur wenige Mitarbeiter, welche älter sind als ich. Jedoch gab es immer wieder interessante Momente bei Kundenmeetings. Als ich noch nicht dreissig Jahre alt war, haben wir bereits grosse Kunden betreut. Teilweise hat mein junges Alter auch dazu geführt, dass man sich in einem Restaurant verabredet hat und der Kunde an einem vorbeigelaufen ist.
Das junge Alter hatte aber auch nicht nur Nachteile. Die Erwartungen an uns waren teilweise tief und die positive Überraschung umso grösser, wenn wir erfolgreich gearbeitet haben. Das hat uns danach umso mehr beflügelt und die Zusammenarbeit mit dem Kunden gestärkt. Ich glaube aber ohnehin, dass das Alter nicht mehr so wichtig ist in der heutigen Gesellschaft.

Wenn du jetzt der Mentor wärst von dir vor zehn Jahren. Was würdest du dir selber raten?

Ich glaube, dass man immer offen sein sollte. Ich komme auf die Geschichte von Webrepublic zurück: Wir hatten nie einen konkreten Plan gehabt, was in fünf oder zehn Jahren sein soll. Wir haben viel erreicht, gerade weil wir immer offen für neue Möglichkeiten waren.
Zudem würde ich meinem jüngeren Ich raten, immer Zeit in den Austausch mit anderen Menschen zu investieren. Viele meiner Möglichkeiten haben sich nicht eröffnet, weil ich von acht bis fünf am Arbeitstisch sass, sondern weil ich an Events ging und aktiv war.
Ausserdem sollte man niemals vor Problemen davonlaufen. Auf diese Art hat sich noch nie ein Problem gelöst, vor allem nicht ein zwischenmenschliches Problem. Der Hands-Off Ansatz hat also definitiv auch seine Grenzen.
Auch das Thema Mentorship ist wichtig: Man sollte Leute suchen, die einen inspirieren, und auf sie zugehen. Es erstaunt mich immer wieder, wie wenig Leute mit potenziell Gleichgesinnten in Kontakt treten, um einfach ihre Ideen zu diskutieren. Ich finde es enorm wichtig, dass man etwas mit Menschen teilen kann und schaut, was daraus wird. Grundsätzlich glaube ich an das Gute im Menschen und finde es toll, mit einem coolen Team zusammenzuarbeiten. Man sollte in ein solches Netzwerk investieren und dabei nicht nur finanzielle Interessen verfolgen.

Was sind deine Vorbilder, sofern es welche gibt? Was inspiriert dich an ihnen?

Lustigerweise habe ich kein einziges Vorbild. Eher lasse ich mich von unterschiedlichsten Menschen immer wieder inspirieren, weil sie beispielsweise etwas Cooles in die Firma gebracht haben. Es gibt auch Kunden, die für mich sehr wichtig sind und ich auch persönlich viel lernen konnte.
Mich beeindruckt aber immer wieder, wenn jemand konsistent glaubwürdig ist und dir beispielsweise auch mal sagen kann, dass du nun etwas nicht gut gemacht hast.
Zu meinen inspirierenden Persönlichkeiten würde ich auch Industriegrössen zählen. Twitter war für mich immer sehr wichtig, da man so unzähligen wichtigen Leuten folgen kann. Beispielsweise war Rand Fishkin immer sehr inspirierend für mich. Ausserhalb der SEO-Branche ist er kaum bekannt, aber innerhalb ist er für Leute wie mich eine wichtige Person.

Wenn du nächste Woche komplett vom Alltagsgeschäft befreit werden würdest und du dich die ganze Woche um ein Problem kümmern könntest, was wäre es?

Auf einer gesellschaftlichen Ebene würde ich mich gerne um das Thema Bildung kümmern. Bildung ist der einzige Rohstoff der Schweiz. Gleichzeitig gelingt es uns immer noch nicht, das Thema der digitalen Bildung gemeinsam anzupacken. Es gibt bereits einige vielversprechende Initiativen wie Digital Switzerland oder sehr gute Anlässe rund um das Thema. Trotzdem ist noch viel Potenzial unausgeschöpft. Digital- und Medienkompetenzen müssen stärker in der Schulbildung verankert sein.
Diese Herausforderung reizt mich sehr und ich würde mich gerne in einer freien Woche darum kümmern.


Zur Person

Tobias Zehnder ist Co-Founder und Partner der Zürcher Digital Agentur Webrepublic. Er ist Mitglied des Fachbeirates des Centers for Communications der HWZ sowie Dozent am CAS Digital Leadership der HWZ. Zehnder studierte Publizistikwissenschaft sowie Wirtschaftsgeschichte und Linguistik an der Universität Zürich. Er arbeitete bei Google und Optimedia, bevor er 2009 zusammen mit Tom Hanan die Agentur Webrepublic gründete. Zusätzlich ist Tobias Zehnder auch als Dozent an der HSLU und Referent an verschiedenen Fachveranstaltungen tätig.


 

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