Das Imposter-Syndrom: Wie junge Leader damit umgehen lernen

Als Leader befindest du dich in einer exponierten Position im Vergleich zu anderen Angestellten. Du stehst im ständigen Fokus. Deine Entscheidungen bewegen zwar etwas, unterliegen aber einer permanenten Beurteilung durch andere.

 

Wer mit dem Strom schwimmt, bleibt für andere unauffällig.

 

Dieses bekannte Sprichwort trifft speziell auf diese Position von Führungskräften zu: Folgt man ständig den ohnehin geltenden Prinzipien und ändert nichts, hat man erstmal wenig zu befürchten. Man exponiert sich nicht. Initiiert man jedoch Änderungen als Führungskraft und beginnt man, Bestehendes zu hinterfragen, so rückt man sofort in den Fokus von Beobachtern: Das eigene Team ist interessiert an deinem Verhalten und deine Führungskollegen möchten schauen, wie du dich schlägst.

Dieses ungewohnte Rampenlicht kann Betroffenen des Imposter-Syndroms schwer zu schaffen machen. Als noch unerfahrener Leader gerätst du schnell in eine Zwickmühle. Zweifel anhand der eigenen Qualifikation kochen in dir hoch und du fürchtest, von gleichgestellten Kollegen als unfähig dargestellt zu werden. Doch ist deine Stellung im Unternehmen wirklich dem reinen Zufall geschuldet? Sind deine Erfolge wirklich unverdient?

Das Imposter-Syndrom verstehen

Exzellente Leistungen in Schule, Studium und Beruf sind eigentlich ein Anlass zu Freude. Die ersten Hürden sind allenfalls noch leicht zu nehmen und noch nicht mit grossen Anstrengungen verbunden. Du wirst schnell zu einer Art Aushängeschild, das laufend seine Leistungen bestätigen muss. Die Gefahr ist da, dass du diese Erwartungshaltung selbst annimmst.
Es kann in dir die Furcht vor einer negativen Beurteilung entstehen. Du fürchtest dich zusehends vor dem eigenen Versagen. Du beginnst, konkrete Vermeidungsstrategien zu entwickeln. Eine davon ist die falsche Bescheidenheit und das gezielte Kleinreden der eigenen Erfolge. Es sind beliebte Mittel, um prüfende Blicke von sich zu lenken. Verstärken sich diese Gedanken, werden sie immer mehr zur Belastung. Du fühlst dich als Hochstapler oder als unqualifizierter Glückspilz, der seiner Enttarnung möglichst aus dem Weg zu gehen versucht. Du bist vom Imposter-Syndrom betroffen.

Der Begriff «Imposter-Syndrom» wurde ursprünglich von den Psychologen Pauline Clance und Suzanne Imes im Jahr 1987 definiert. Ihre ersten Forschungen in den 1980er-Jahren haben gezeigt, dass viele ambitionierte Frauen sich nicht intelligent genug und von anderen überbewertet fühlten. Es hat sich jedoch schnell herausgestellt, dass sich das Phänomen nicht auf ein Geschlecht eingrenzen lässt.

Wer ist vom Imposter-Syndrom betroffen?

Unter anderem durch einen Artikel über ein TEDx Event in Stanford wird bestätigt, dass das Imposter-Syndrom sehr verbreitet ist. Hundert Manager wurden nach einem Geheimnis gefragt, welches sie noch mit kaum jemandem geteilt haben. Ein Geheimnis wurde immer wieder genannt, unabhängig von der Branche, von der Rolle oder von der geografischen Region, in welcher die Person tätig war:

I am afraid I will be found out for being a fraud.

Scheinbar ist das Phänomen weder auf spezifische Rollen, noch auf eine Branche begrenzbar. Es wird gesagt, dass erfolgreiche und ambitionierte Menschen stark vom Imposter-Syndom betroffen sind. Dies wird belegt durch einen Artikel, welcher von einem WEF-Treffen berichtet. 56 junge Leader, welche aus 450 Bewerbern ausgewählt worden sind, kamen zum Jahrestreffen in Tianjin, China, zusammen. Unter den Teilnehmenden befanden sich unter anderem ein Mitgründer von AirBnB, der CIO der New York Times und Leute, die auf der Titelseite vom Forbes-Magazin waren. Obwohl alle diese Leute mit Bestimmtheit hart arbeiten und ihr Erfolg verdient ist, hat die Autorin einen Satz immer wieder gehört:

I’m not even sure why I’m here.

Das Imposter-Syndrom scheint also in dieser Gruppe von Leuten auch weit verbreitet zu sein. Mittlerweile weiss man aber, dass das Syndrom sogar bei wenig erfolgreichen Menschen vorkommt.

Grundsätzlich kommt man zum Schluss, dass jeder Mensch sich als Hochstapler sehen kann, sofern er nicht in der Lage ist, seinen eigenen Erfolg genügend anzuerkennen.

Warum leiden junge Leader speziell unter dem Imposter-Syndrom?

Ganze 70 % der Millennials fühlen sich vom Imposter-Syndrom betroffen. Gründe gibt es einige:

Es ist das Zeitalter des Vergleichens

Durch Social Media ist man laufend der eigenen Konkurrenz ausgesetzt. Bei jedem Besuch von Facebook und mit jedem Öffnen von Instagram sieht man wieder neue Erfolge von Freunden, Bekannten und anderen Leuten, denen man folgt. Die Posts müssen nicht mal genau der Wahrheit entsprechen, denn der Schaden ist bereits angerichtet: Man hat sich bereits verglichen und das Selbstbewusstsein ist angekratzt.

Die (Arbeits-)Welt wandelt sich enorm schnell

Die Generationen X und Y wachsen in einer Welt auf, welche von ständigem Wandel geprägt ist. Die eigene Weiterbildung ist nicht abgeschlossen, wenn die Lehre oder das Studium beendet ist. Lebenslanges Lernen ist das neue Mantra. Das bringt mit sich, dass man laufend neuen Herausforderungen ausgesetzt ist und sich aufgrund des raschen Wandels nie vollkommen bereit dafür fühlt.

Herausforderungen für junge Leader

Junge Leader stehen unter spezieller Beobachtung und haben besondere Herausforderungen zu meistern: Sie gehören zu den Generationen Y und Z, welche zwar schon Fuss gefasst haben in der Arbeitswelt, sich aber trotzdem weiterhin behaupten müssen gegen ältere Generationen. Trotzdem müssen diese jungen Leute bereits viel Erfahrung tragen, wie beispielsweise das Führen von älteren Mitarbeitenden.
Die Wahrscheinlichkeit, dass man Opfer vom Imposter-Syndrom wird, erhöht sich durch die grosse Verantwortung – vielleicht meistert man diese sogar mit Bravour – in Kombination mit der starken Beobachtung durch andere Mitarbeitende.

So gehst du mit dem Imposter-Syndrom um

Die schlechte Nachricht zuerst: Vermutlich wird dich das Imposter-Syndrom immer begleiten, mal mehr, mal weniger.
Die gute Nachricht: Du kannst sehr gut lernen, damit umzugehen. Es gibt eine Reihe einfacher Wahrheiten, die du dir immer wieder vor Augen führen solltest.

Dein Erfolg ist erklärbar und verdient

Die Tatsache, sich du dich bei einer Job-Bewerbung gegen Konkurrenten durchzusetzen, hat nur teilweise mit Glück zu tun. Natürlich spielt dir Fortuna ein bisschen in die Hände, falls du dich trotz gleichwertiger Qualifikationen durchsetzen kannst. Trotzdem ist dieser Triumph wohlverdient. Unabhängig von deiner Funktion solltest du stets verinnerlichen: Deine Qualifikation wurde nach bestem Gewissen geprüft und du bist der Favorit. Sei zu Recht stolz auf deine Leistung, anstatt dich dafür zu verkriechen. Denn offenbar glaubt jemand an dich und deine Fähigkeiten.

Du bist kein Einzelfall

Gleichgültig, welche Position ein Mensch bekleidet, bleibt er doch immer noch ein Mensch. Versagensängste und das Imposter-Syndrom sind ein weit verbreitetes Phänomen. Der Trick besteht darin, dich davon nicht unterkriegen zu lassen. Umgebe dich mit vertrauenswürdigen Menschen und guten Freunden und rede über diese Probleme. Du wirst überrascht sein, wie schnell die Berichte von anderen dich neuen Mut schöpfen lassen – besonders wenn sie in der Vergangenheit ebenfalls über ihren eigenen Schatten springen mussten. Viele Menschen erleben eine ähnliche schwierige Phasen in ihrem Berufsleben.

Weniger Aktionismus, mehr Menschlichkeit

Bei allem was du tust: Berücksichtige immer deine wahre Motivation. Übertriebener Eifer fällt dir ansonsten auf die Füsse und zwängt dich erneut ins Imposter-Syndrom. Das Gleiche gilt bei der Kommunikation mit Mitarbeitern oder Vorgesetzten. Gespräche sollten niemals nur auf rein beruflichen Ambitionen basieren. Ansonsten fehlt es den Diskussionen an Glaubwürdigkeit und dein Interesse wirkt gespielt. Schenke deine Aufmerksamkeit dem Menschen selbst und nicht nur seiner oder ihrer Stellung im Unternehmen. Durch diesen Fokuswechsel entledigst du dich den Zwängen der Perfektion und gewinnst Vertrauen in dich und deine Kollegen.

Stehe zu dir selbst

Vergleiche dich nicht zu stark mit deinen Mitarbeitern, denn du hast deine eigene, individuelle Meinung. Als junger Leader bringst du neue Perspektiven ins Unternehmen, was oftmals eine Bereicherung darstellt und deshalb begehrt ist. Scheue dich also nicht, deine Ansichten zu teilen, auch wenn du weniger Erfahrung hast als ältere Arbeitskollegen.
Nimm jedoch gut gemeinte Ratschläge ernst und lerne daraus. Ausserdem kann es dir auch helfen, dich und deine Taten regelmässig zu reflektieren. So gelingt es dir, dich selbst besser einzuschätzen und dich schneller weiterzuentwickeln.


 

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